Kirche stärkt Demokratie
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Datum: 19.05.2026
Bildungsangebote für Demokratie in der Nordkirche

Wie kann ich reagieren, wenn im Gemeindekreis rechtspopulistische Parolen fallen? Wie lässt sich widersprechen, ohne Gespräche sofort eskalieren zu lassen? Mit solchen und weiterreichenden Fragen beschäftigen sich die Workshops und Fortbildungen von Politikwissenschaftler Paul Steffen, Sozialpädagoge Karl-Georg Ohse und Pastor Sönke Lorberg-Fehring, die in kirchlichen und zivilgesellschaftlichen Kontexten angeboten werden. Ziel ist es, Menschen Werkzeuge an die Hand zu geben, um demokratische Gesprächskultur zu stärken und extremistischen Positionen im Alltag begegnen zu können.

Die Nachfrage nach solchen Angeboten wächst. „Wir leben in Krisenzeiten“, sagt Paul Steffen. Seit der Corona-Pandemie habe sich in Teilen der Bevölkerung eine starke Verunsicherung entwickelt. In sozialen Medien würden Probleme oft zugespitzt dargestellt, gleichzeitig verbreiteten sich Feindbilder schneller. „Es wird viel mit Angst gearbeitet“, erläutert er. Das betreffe besonders Debatten über Migration, in denen häufig falsche Zusammenhänge hergestellt würden.

Auch Karl-Georg Ohse beobachtet eine zunehmende Verunsicherung im gesellschaftlichen Klima. Rechtspopulistische Parteien hätten Erfolg damit, Gefühle von Verlust und Bedrohung anzusprechen. „Die geben vor, etwas zu verteidigen oder zurückzuholen, was es vielleicht so gar nicht mehr gibt“, sagt er. Komplexe politische Zusammenhänge würden dabei auf einfache Parolen reduziert - ein Muster, das auch innerhalb von Kirchengemeinden vorkommen könne.

Genau hier setzen die Fortbildungsangebote an. In Workshops lernen Teilnehmende, wie sie populistische Argumentationsmuster erkennen und darauf reagieren können. Ein zentrales Element ist dabei das Training von Gesprächs- und Streitkultur. „Es gibt ein paar gute Tools“, sagt Steffen. Ein wichtiges Prinzip sei etwa das sogenannte Differenzierungsgebot: „Bevor man sich in die Defensive bringen lässt, fragt man erst einmal nach: Worum geht es eigentlich genau?“ Oft würden Begriffe wie „Migration“ oder „Geflüchtete“ pauschal verwendet und emotional aufgeladen. Durch Nachfragen lasse sich die Diskussion häufig wieder versachlichen.

Neben rhetorischen Methoden geht es auch um Selbstreflexion. Ohse spricht von einer Art „Entfremdungsprogramm“. Teilnehmende sollten sich mit eigenen Vorurteilen und Ressentiments auseinandersetzen und lernen, unterschiedliche Perspektiven wahrzunehmen. „Ein Feind ist ein Mensch, dessen Geschichte du nicht gehört hast“, beschreibt er den Ansatz. Ziel sei es, Verständnis füreinander zu entwickeln und wieder stärker zuzuhören.

Ein weiteres Format ist die sogenannte Council-Methode. Dabei sitzen die Teilnehmenden im Kreis und erzählen persönliche Geschichten zu Themen wie Demokratie, gesellschaftliche Sorgen oder Erfahrungen mit politischem Engagement. Es gehe weniger um Argumente als um das gegenseitige Zuhören, erklärt Ohse: „Man redet mit dem Herzen und hört mit dem Herzen.“ Gerade in polarisierten Debatten könne diese Form des Austauschs helfen, Gesprächsräume neu zu öffnen.

Die Workshops richten sich nicht nur an Kirchengemeinden. Auch Stiftungen, Initiativen oder andere Organisationen können sie buchen. „Eigentlich kann das jeder“, sagt Steffen. Viele Teilnehmende seien erleichtert, wenn sie merkten, dass es keine umfassende politische Expertise brauche, um Position zu beziehen. „Es gibt Methoden, mit denen man anfangen kann - und eine Haltung klarmachen.“

Zudem gehe es nicht um reine Wissensvermittlung, sondern um einen gemeinsamen Lernprozess. „Ein Workshop ist keine Veranstaltung, bei der der Referent die Wahrheit erzählt“, betont Steffen. Vielmehr gehe es darum, gemeinsam Wege zu finden, wie demokratische Diskussionen wieder konstruktiver geführt werden können. „Wir müssen lernen, produktiv zu streiten - und dabei respektvoll miteinander umzugehen.“

Eine zusätzliche Perspektive bringt Pastor Sönke Lorberg-Fehring ein. In Vorträgen, Workshops und dem Buch „Kirche gegen den Hass“, das er gemeinsam mit Bettina Schlaudraff herausgegeben hat, beschäftigt er sich mit der Frage, welche Rolle Theologie im Umgang mit Populismus und demokratiefeindlichen Positionen spielt. Dabei richtet er den Blick zunächst nach innen, auf die Kirche selbst.

Lorberg-Fehring warnt davor, populistische Tendenzen vorschnell nur einer bestimmten Partei zuzuordnen. „In jeder Kirchengemeinde gibt es Potenzial für Populismus“, sagt er. Populismus sei weniger ein klar umrissener politischer Inhalt als vielmehr eine Denkform, die mit starken Gegensätzen arbeite: „Diese Form arbeitet mit Entgegensetzung - die und wir.“ Gerade in Zeiten gesellschaftlicher Unsicherheit biete dieses einfache Schema vielen Menschen Orientierung. Die entscheidende Frage sei deshalb auch eine selbstkritische: „Warum schaffen wir es nicht, den Menschen in dieser Unübersichtlichkeit einen festen Stand zu ermöglichen?“

Aus theologischer Sicht gibt es laut Lorberg-Fehring eigentlich große Ressourcen. Die Bibel selbst sei ein pluraler Text. „Die Bibel begründet nicht die Einheit der Religion, sondern die Vielfalt der Konfessionen“, erinnert er an eine These des Theologen Ernst Käsemann. Unterschiedlichkeit sei daher kein Problem, sondern ein zentraler Bestandteil christlicher Tradition.

Zugleich beobachtet er, dass Kirchen im Umgang mit populistischen Positionen oft verunsichert sind. In den vergangenen Jahrzehnten habe sich ein Dialogmodell etabliert, das auf Verständigung setze. Populistische Bewegungen stellten dieses Modell jedoch infrage. „Sie sagen nicht: Wir sind verschieden und gestalten das gemeinsam, sondern: Wir sind verschieden, und ich werde über dich dominieren.“ Darauf müsse Kirche neu reagieren und wieder lernen, klare Grenzen zu ziehen. „Den Streit zu führen um das, was wir als gut und richtig und auch biblisch fundiert empfinden, das müssen wir wieder üben.“

Für Lorberg-Fehring ist die Debatte letztlich mehr als ein politisches Thema. Sie berührt grundlegende Fragen des Glaubens. „Die Frage nach Rechtspopulismus und rechter Theologie ist ein enorm theologisches Aufgabenfeld“, sagt er. Gerade deshalb brauche es neue theologische Klarheit - und eine Kirche, die ihre eigenen Werte selbstbewusst ins Gespräch bringt.

Katharina Tesch, epd-nord